Üblicherweise denkt man den Ruhestand vorwärts: sparen, was geht, hochrechnen und hoffen, dass die Zahl am Ende groß genug ist. Rückwärtsplanung beginnt am anderen Ende — bei dem Leben, das Sie finanzieren wollen — und arbeitet sich zu einem Monatsbetrag herunter. Sie liefert meist ein kleineres, schärferes Ziel.
Schritt eins: Schätzen Sie Ihre jährlichen Ausgaben im Ruhestand, in heutigem Geld. Kein Prozentsatz Ihres Gehalts, sondern Ihre tatsächlich erwarteten Ausgaben. Manches fällt weg (die Immobilie ist womöglich abbezahlt, Pendeln und Altersvorsorgebeiträge enden), anderes steigt (Reisen, das Heizen einer den ganzen Tag bewohnten Wohnung, irgendwann Pflege). Für die meisten ist der ehrliche Ausgangspunkt ihre heutige Ausgabenhöhe, Zeile für Zeile angepasst.
Schritt zwei: Ziehen Sie garantierte Einkünfte ab. Ihre gesetzliche Rente ist der Kern davon — ihre Höhe hängt von Land, Erwerbsbiografie und Beitragsjahren ab, nehmen Sie also Ihre eigene Renteninformation statt eines Durchschnittswerts aus dem Netz. Rechnen Sie Betriebsrenten und Leibrenten hinzu. Wenn Sie 30.000 € ausgeben wollen und 12.000 € unabhängig von den Märkten eintreffen, muss Ihr Portfolio nur noch 18.000 € im Jahr erwirtschaften. Dieser Unterschied ist gewaltig.
Schritt drei: Bemessen Sie das Portfolio an der Lücke. Bei einer Entnahmerate von 4 % brauchen 18.000 € im Jahr rund 450.000 € — nicht die 750.000 €, die 30.000 € Ausgaben nahelegen würden. Wenn Sie vor Beginn der garantierten Einkünfte aufhören wollen, kommt Überbrückungsgeld für diese Jahre hinzu: sieben Jahre vor Rentenbeginn aufzuhören heißt, sieben Jahre volle Ausgaben zu decken, also rund 200.000 € mehr (näherungsweise, da der Rest weiter wächst, während Sie entnehmen).
Schritt vier: Machen Sie aus dem Ziel eine Monatszahl. Mit dem Ziel, Ihrem heutigen Portfolio, einem Zeithorizont und einer erwarteten Rendite fällt der nötige Beitrag direkt aus der Zinseszinsrechnung — und weil Sie alles in heutigem Geld gerechnet haben, nehmen Sie eine reale Rendite (7 % nominales Wachstum bei 2–3 % Inflation sind grob 4–5 % real).
Zwei Verfeinerungen, sobald das Gerüst steht. Entnahmen werden in der Regel besteuert, rechnen Sie die Lücke also um Ihren erwarteten Steuersatz im Ruhestand hoch. Und behandeln Sie den ganzen Plan als lebende Schätzung: einmal jährlich neu rechnen, denn ein Plan, der ein Jahrzehnt vor sich hin driftet, ist ein Plan, den Sie nicht mehr haben.
Der Rückwärtsansatz hat auch einen psychologischen Vorteil. „So viel sparen wie möglich, für immer“ ist zermürbend und nicht überprüfbar. „450.000 € mit 60, wofür ab jetzt 800 € im Monat nötig sind“ ist ein Plan — Sie können ihm voraus sein, hinterherhinken oder mit ihm fertig sein, und jeder dieser Fälle sagt Ihnen, was als Nächstes zu tun ist.